Einige Jahre waren vergangen, seit der kleine Junge das Lesen von seiner lieben Oma gelernt hatte. Jetzt, in der zweiten Klasse, fühlte er sich immer noch stolz auf sein Können. Lesen war für ihn kein Hindernis, sondern eine Freude. In der ersten Klasse hatte ihn sein Lehrer noch ermutigt und gefördert, doch nun sollte sich alles ändern.
Der neue Lehrer war jung und gerade frisch von der Uni gekommen. Er hatte seine eigenen Methoden und wollte, dass die Kinder im Lesebuch laut vorlasen. Ein Schüler begann zu lesen, und wenn der Lehrer „Stop!“ rief, musste ein anderer an genau der Stelle weiterlesen. Für die meisten Kinder war das eine Herausforderung, denn sie waren noch unsicher im Lesen und brauchten viel Zeit, um die Worte zu entziffern. Aber nicht der Junge. Er konnte längst fließend lesen und fand den Unterricht langweilig. Deshalb las er oft schon weiter, während die anderen noch kämpften.
Eines Tages passierte es: Der Junge wurde aufgefordert, weiterzulesen, doch er wusste nicht genau, wo sie gerade waren. Er hatte die Stelle verloren, weil er bereits viel weiter im Text war. Der Lehrer hielt inne, sah ihn streng an und schüttelte den Kopf. „Du kannst ja gar nicht lesen“, sagte er kühl.
Der Junge war geschockt. Wie konnte der Lehrer das sagen? Er wusste doch, dass er lesen konnte – das hatte er doch schon oft bewiesen. Doch der Lehrer war überzeugt: „Morgen wirst du nachsitzen und Lesen üben.“
Mit Tränen in den Augen rannte der Junge nach der Schule nach Hause. Es war nicht der Vorwurf, der ihn verletzte – es war die Ungerechtigkeit. Er wusste, dass er lesen konnte, und jetzt sollte er wie ein schlechter Schüler behandelt werden. Zuhause fragte seine Oma besorgt: „Was ist denn los, mein Schatz?“
Der Junge, noch immer weinend, erzählte seiner Oma von dem Vorfall. „Der Lehrer glaubt mir nicht! Er sagt, ich kann nicht lesen! Und jetzt muss ich nachsitzen!“ Die Oma nahm ihn sanft in die Arme und beruhigte ihn. „Wir werden das klären, keine Sorge. Dein Vater wird sich darum kümmern.“
Am nächsten Tag war der Vater, genauso empört wie der Junge, fest entschlossen, das Problem zu lösen. Zur Zeit des Nachsitzens ging er direkt in die Schule, um mit dem Direktor zu sprechen. Der Direktor hörte geduldig zu und entschied, die Sache sofort zu klären. Er ließ den Jungen und den Lehrer in sein Büro kommen.
„So, mein Junge“, sagte der Direktor, „lass uns doch einmal sehen, ob du lesen kannst.“ Er reichte ihm ein Lesebuch der 4. Klasse, weit über dem Niveau der zweiten Klasse, und schlug eine Geschichte auf. „Lies uns doch mal ein paar Absätze vor.“
Der Lehrer stand daneben, die Arme verschränkt, und grinste spöttisch. Er war sich sicher, dass der Junge versagen würde. Doch das Grinsen verschwand schnell, als der Junge anfing zu lesen. Klar und fließend, ohne ein einziges Stocken, las er die Geschichte vor. Jeder Satz war perfekt. Der Direktor nickte zufrieden.
„Das ist mehr als genug“, sagte der Direktor. „Der Junge kann wunderbar lesen. Du darfst nach Hause gehen.“ Der Lehrer stand wortlos da, die Hände geballt, und musste den Jungen widerwillig ziehen lassen. Doch in den Augen des Lehrers erkannte der Junge etwas – Wut, vielleicht sogar Hass.
Von diesem Tag an änderte sich die Beziehung zwischen dem Jungen und seinem Lehrer. Der Lehrer sah ihn mit einem Blick an, der nichts Gutes versprach. Der Junge versuchte, dem Lehrer aus dem Weg zu gehen, doch eines Tages in der Pause geschah das Unvermeidliche. Der Junge stand zufällig im Weg des Lehrers. Ohne Vorwarnung holte der Lehrer aus und trat ihm hart in den Hintern. Der Schmerz war scharf und durchzuckte den ganzen Körper des Jungen. Er stolperte nach vorn, hielt sich die schmerzende Stelle und biss die Zähne zusammen, um nicht vor den anderen zu weinen.
Zu Hause schwieg der Junge. Er erzählte niemandem von dem Vorfall, weder seiner Oma noch seinem Vater. Er wusste nicht, warum er es verschwieg. Vielleicht aus Angst, vielleicht weil er wusste, dass es die Situation nur verschlimmern würde. Der Schmerz hielt noch einige Tage an, doch was ihn wirklich schmerzte, war das Gefühl der Ungerechtigkeit, das sich tief in seinem Herzen festsetzte.
Doch eines war klar: Der Junge dachte nicht an Rache. Trotz allem, was passiert war, hatte er in sich eine Stärke, die größer war als der Hass seines Lehrers. Er wusste, dass er stark war, nicht nur, weil er lesen konnte, sondern weil er gelernt hatte, nicht zurückzuschlagen, auch wenn die Welt manchmal unfair war. Und das, so wusste er, war eine der wertvollsten Lektionen, die ihm seine geliebte Oma jemals beigebracht hatte.